Paranoia hinter deutschen Fassaden

Deutschland erscheint in diesen Tagen als seltsames Land. Die eine Hälfte ist im Urlaub, die anderer echauffiert sich über das weltweit größte und erfolgreichste Internetunternehmen Google und seinen Dienst Street View. Von den fünfzig Prozent daheim gebliebenen ist laut BILD-Zeitung rund die Hälfte für, die andere Hälfte gegen das Angebot – für die allermeisten Gegner betrifft die Ablehnung allerdings nur Fotos vom eigenen Haus. Denn den Urlaub planen oder die nächste Shopping-Tour möchten die meisten schon mit Unterstützung von Google Maps und dem darin integrierten Street View. Interessant übrigens, dass kaum jemand etwas dagegen hat, dass sein Haus und Grundstück von oben einsehbar sind – obwohl es zum Beispiel für so manchen griechischen Bürger richtig teuer werden kann, wenn die Finanzverwaltung mit Hilfe von Google Maps den illegal gebauten Swimmingpool im Garten entdeckt. Es stehen Spielgeräte im Garten? Dann müssen hier Familien mit Kindern leben. Eine große Hundehütte hinterm Haus? Achtung, laute Haustiere! Ein ungepflegtes Grundstück? Die haben sicher auch finanzielle Probleme. Wie gesagt, alles längst möglich und seit Jahren im Einsatz. Auch, lieber Bund der Kriminalbeamten, für Einbrecher, die sich mit den mehrere Jahren alten Fotos angeblich ihre Fluchtwege planen…Aber jetzt kommt der Angriff auf die Hausfassade, nicht mit Brandsätzen oder Sprühdosen, sondern mit – Fotoapparaten! Alarm für den deutschen Privatmann: Mein Haus wird fotografiert und zusammen mit zig Millionen anderen im internet veröffentlicht. Das muss man doch verbieten können..!
Ist aber offenbar nicht so leicht, nicht mal für unsere einzige Ministerin, der man die Herkunft auf Anhieb anhört, Verbraucherschutzministerin Aigner. Das sie uns Verbraucher schützen will, ist aller Ehren wert. Aber was soll beim Kampf gegen Google eigentlich genau geschützt werden?
Gesichter und Autokennzeichen werden automatisch unkenntlich gemacht, notfalls per Hand, wo Google Algorithmen versagen.
Also: Hausfassaden. Der Inbegriff der Privatsphäre, der nur durch einen dummen Zufall nicht in die Liste der Menschenrechte von UN und Grundgesetz aufgenommen wurde: „Die Würde der Hausfassade ist unantastbar“.
Großartig muss es uns gehen, dass wir keine anderen Probleme haben. Das, was vielleicht sonst nur eine nicht abzuschätzende Zahl unbekannter Passanten zu sehen bekommt, darf jetzt auch eine nicht abzuschätzende Zahl unbekannter Internetsurfer sehen. Mit dem Unterschied, dass die Passanten zusätzlich auch das Klingelschild lesen und den Ehekrach hinter den dünnen Wänden bis auf die Straße hören können.
Ja, das klingt polemisch. Aber die Diskussion über Street View ist populistisch, unbegründet und überflüssig. Populistisch, weil sie mit diffusen Ängsten von Menschen spielt, über die BKA und SCHUFA längst mehre wissen, als man ihnen zu sagen traut. Unbegründet, weil keinerlei Informationen öffentlich gemacht werden, die es bereit sind (wer etwas zu verbergen hat, baut seinen Zaun oder seine Mauer ohnenhin höher als zwei Meter und zieht die Vorhänge zu). Und überflüssig, weil es genau jetzt auch wirklich wichtige Probleme auf dieser Welt zu lösen gibt.
Bei der merkwürdigen Diskussion (Warum eigentlich hauptsächlich bei uns in Deutschland? Ist es die Nazi- oder Stasi-Vergangenheit…???) prallen offensichtlich auch digitale und analoge Generation aufeinander. Wer Angst vor Facebook hat, sich eine geheime Telefonnummer geben lässt (ohne einen konkreten und triftigen Grund dafür zu haben) und seine Rufnummer unterdrückt, hat auch kein Verständnis für Google.
Google will mit Street View natürlich in erster Linie Geld verdienen, durch ortsbezogene Werbung und andere Ideen. Aber Geld zu verdienen ist auch der Antrieb der Marktwirtschaft, ohne die es viele Annehmlichkeiten des Lebens nicht gäbe. Geld zu verdienen ist prinzipiell nichts Böses.
Ja, ich gebe zu, dass ich Google Street View schon sehr oft genutzt habe und es für einen äußerst hilfreichen Service halte. Und ich hin sicher der erste, der sich das eigene Haus im Internet anschaut, sobald Google des Dienst in Deutschland freischaltet.
Ich wünsche mir, dass wir uns bald wieder daran machen, über Fragen zu diskutieren, die wirklich von Bedeutung sind. Und dass auch die Medien aufhören, hyperventilierenden Hinterbänklern und Bezirksbürgermeistern mit Profilierungssucht eine Bühne zu bieten.
Google Street View läuft in den USA und anderen Ländern schon lange, ohne dass dort die Gesellschaft dadurch dort irgendwelche erkennbaren Schäden erlitten hat. Ich bin recht zuversichtlich, dass wir das auch in Deutschland schaffen können…

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Michael

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  1. 12th August 2010 | sandra celt says: Antworten
    kurz und schmerzlos: ganz deiner meinung!

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